Rocky Linux vs. AlmaLinux: RHEL-Nachfolger im Vergleich

Das Ende von CentOS Linux 8 im Dezember 2021 – und der Wechsel von Red Hat zu CentOS Stream – hat die Linux-Serverwelt aufgerüttelt. Viele Administratoren suchten nach stabilen, kostenlosen RHEL-kompatiblen Alternativen. Zwei Projekte füllten das Vakuum: Rocky Linux und AlmaLinux. Beide versprechen binäre RHEL-Kompatibilität, kostenlose Updates und langfristige Stabilität. Dieser Vergleich hilft dir zu entscheiden, welche Distribution für deine Server-Infrastruktur besser geeignet ist.

Historischer Hintergrund: Das CentOS-Problem

CentOS (Community ENTerprise Operating System) war über 15 Jahre lang die bevorzugte Wahl für kostenlose RHEL-kompatible Server. Im Dezember 2020 überraschte Red Hat mit der Ankündigung, CentOS Linux zugunsten von CentOS Stream umzustellen – einem Rolling-Release-Modell, das vor RHEL steht, nicht dahinter.

Das bedeutete: CentOS Linux 8 erhielt bis Dezember 2021 Sicherheitsupdates (statt bis 2029), und echte RHEL-Nachbildung gab es fortan nur noch kostenpflichtig oder via Stream mit weniger Stabilität.

Die Community reagierte schnell mit zwei Projekten:

  • Rocky Linux (Dezember 2020 angekündigt, Mai 2021 erste Version) – gegründet von Gregory Kurtzer, dem Original-CentOS-Gründer
  • AlmaLinux (Januar 2021 angekündigt, März 2021 erste Version) – gegründet von CloudLinux Inc., einem Unternehmen mit Erfahrung in stabilen Linux-Distributionen

Was ist Rocky Linux?

Rocky Linux wurde von Gregory Kurtzer ins Leben gerufen – demselben Entwickler, der einst CentOS gegründet hatte. Das Projekt wird von der Rocky Enterprise Software Foundation (RESF) als gemeinnützige Organisation gesteuert.

Die Mission von Rocky Linux ist klar: Eine 1:1-binär-kompatible Alternative zu RHEL zu liefern, die von der Community kontrolliert wird und keinem kommerziellen Anbieter gehört. Rocky Linux wird direkt aus den RHEL-Quellen gebaut und ist für Produktions-Workloads auf Rechenzentrumsebene ausgelegt.

Rocky Linux in Zahlen (2026):

  • Aktuelle Version: Rocky Linux 9.x (RHEL 9-Basis)
  • Unterstützungsende Rocky 8: Mai 2029
  • Unterstützungsende Rocky 9: Mai 2032
  • Unterstützte Architekturen: x86_64, aarch64 (ARM), ppc64le, s390x
  • Downloads: Mehrere Millionen ISO-Downloads seit Start

Was ist AlmaLinux?

AlmaLinux wurde von CloudLinux Inc. entwickelt – einem Unternehmen, das bereits seit Jahren eigene stabile Linux-Distributionen (CloudLinux OS) für den Hosting-Markt produziert. Seit 2021 wird AlmaLinux als eigenständiges Non-Profit-Projekt geführt, durch die AlmaLinux OS Foundation.

CloudLinux bringt wertvolle Expertise in den RHEL-kompatiblen Bereich mit: Das Unternehmen hat jahrelange Erfahrung mit produktiven Linux-Distributionen, Bug-Tracking und Sicherheitspatches. AlmaLinux veröffentlicht sogar eigene OVAL-Sicherheitsdaten, was für Compliance-Anforderungen wertvoll ist.

AlmaLinux in Zahlen (2026):

  • Aktuelle Version: AlmaLinux 9.x (RHEL 9-Basis)
  • Unterstützungsende AlmaLinux 8: März 2029
  • Unterstützungsende AlmaLinux 9: Mai 2032
  • Unterstützte Architekturen: x86_64, aarch64, ppc64le, s390x, armhf (Raspberry Pi!)
  • Offizielle AWS/Azure/GCP Marketplace Images verfügbar

Die RHEL-Source-Frage: 2023-Zäsur

Im Juni 2023 schränkte Red Hat den Zugang zu RHEL-Quellpaketen ein. CentOS Git (CIQ) wurde für öffentlichen Zugang gesperrt. Das betraf alle RHEL-Rebuilds, nicht nur Rocky und AlmaLinux – auch Oracle Linux und andere.

Reaktion Rocky Linux: Rocky Linux bezieht Quellpakete nun aus mehreren Quellen: primär von der Upstream Linux Foundation, CentOS Stream sowie direkt dekompiliert aus RHEL-Binärpaketen. Die peridot-Build-Pipeline wurde veröffentlicht, um den Prozess transparent zu machen.

Reaktion AlmaLinux: AlmaLinux entschied sich für einen eigenständigen Weg: Sie geben nicht länger vor, 1:1 binär-kompatibel zu RHEL zu sein, sondern sind "Application Binary Compatible" – d.h. Software, die für RHEL gebaut wird, läuft auf AlmaLinux, aber es gibt möglicherweise minimale Kernel-Unterschiede. AlmaLinux 9.2 und neuer nutzen CentOS Stream als Upstream.

Technischer Vergleich

Feature Rocky Linux AlmaLinux
RHEL-Kompatibilität Binär-kompatibel ABI-kompatibel (99,9%)
Build-Basis (seit 2023) Mehrere Quellen + peridot CentOS Stream + RHEL
Kernel-Version Identisch mit RHEL Leicht abweichend möglich
OVAL-Sicherheitsdaten ❌ Bezug aus RHEL ✅ Eigene OVAL-Daten
Raspberry Pi Support ❌ Begrenzt ✅ offizielle Unterstützung
AWS/Azure/GCP Images ✅ Verfügbar ✅ Verfügbar
Container-Images ✅ Docker Hub ✅ Docker Hub
FIPS-Mode ✅ Unterstützt ✅ Unterstützt
SELinux ✅ Standard aktiv ✅ Standard aktiv

Ökosystem und Community

Rocky Linux Community

  • Hauptkanal: Mattermost (discuss.rockylinux.org) + Forums
  • GitHub: github.com/rocky-linux – sehr aktiv, öffentliche Roadmap
  • Partner: AWS, Google Cloud, Microsoft Azure (offizielle Images)
  • Commerciale Unterstützung: CIQ (Kurtzer's Unternehmen), OpenLogic
  • SIG (Special Interest Groups): Cloud, HPC, Kernel, Astronomy und weitere

AlmaLinux Community

  • Hauptkanal: Mattermost (chat.almalinux.org) + Forums
  • GitHub: github.com/AlmaLinux – aktiv, schnelle Issue-Reaktion
  • Partner: AWS, Google Cloud, Microsoft Azure, DigitalOcean, Hetzner
  • Erfahrung: CloudLinux-Team bringt Enterprise-Erfahrung mit
  • ELevate-Projekt: Migration von CentOS 7/8, Oracle Linux zu AlmaLinux

ELevate: AlmaLinux's Killer-Feature

AlmaLinux bietet mit ELevate ein einzigartiges Upgrade-Tool: Es ermöglicht die In-Place-Migration von CentOS Linux 7/8, CentOS Stream, und Oracle Linux zu AlmaLinux – oder sogar zwischen RHEL-Derivaten. Kein Neu-Aufsetzen des Servers notwendig.

sudo dnf install -y elevate-release
sudo dnf install -y leapp-upgrade leapp-data-almalinux
sudo leapp upgrade --target almalinux

Dieses Feature ist besonders für Migrationen bestehender CentOS-Server Gold wert und gibt AlmaLinux einen klaren Praxis-Vorteil.

Kubernetes und Container

Beide Distributionen eignen sich hervorragend für Kubernetes-Deployments. In der Praxis sind die Unterschiede minimal:

# Container-Runtimes auf beiden Distros identisch
dnf install -y containerd
systemctl enable --now containerd

# Kubernetes-Setup via kubeadm funktioniert auf beiden
dnf install -y kubelet kubeadm kubectl

Für Kubernetes Self-Hosting (z.B. mit k3s oder RKE2) spielt es kaum eine Rolle, ob du Rocky Linux oder AlmaLinux nutzt – beide verhalten sich wie RHEL.

Anwendungsfall-Empfehlungen

Rocky Linux bevorzugen für...

  • Maximale RHEL-Binärkompatibilität (z.B. ISV-zertifizierte Software, die explizit für RHEL getestet wird)
  • HPC-Umgebungen (Rocky hat eine starke HPC SIG)
  • Umgebungen, die CentOS Linux 1:1 ersetzen wollen ohne Verhaltensunterschiede
  • Teams, die dem Open-Source-Ethos vertrauen und ein Community-gesteuertes Projekt bevorzugen

AlmaLinux bevorzugen für...

  • CentOS-Migration via ELevate (einzigartiges In-Place-Upgrade-Tool)
  • Raspberry Pi und ARM-Infrastruktur (offizielle armhf-Unterstützung)
  • Compliance-Umgebungen mit Bedarf an eigenen OVAL-Sicherheitsdaten
  • Hosting-Provider-Umgebungen (CloudLinux-Erfahrung zahlt sich aus)
  • Wenn Kubernetes als Plattform genutzt wird (AlmaLinux hat sehr gute OCI-Images)

Migration von CentOS 7/8

CentOS Linux 7 läuft noch bis Juni 2024 (Unterstützungsende war Juni 2024). Wenn du noch CentOS 7-Server betreibst, ist jetzt Handlungsbedarf.

Migrationspfad mit AlmaLinux ELevate:

# Auf CentOS 7: Migration zu AlmaLinux 8
sudo yum install -y http://repo.almalinux.org/elevate/elevate-release-latest-el7.noarch.rpm
sudo yum install -y leapp-upgrade leapp-data-almalinux8
sudo leapp upgrade
sudo reboot
# Dann von AlmaLinux 8 zu AlmaLinux 9:
sudo leapp upgrade --target almalinux9

Migrationspfad mit Rocky Linux: Rocky Linux bietet keinen offiziellen In-Place-Upgrade-Weg von CentOS 7. Migration erfordert eine Neuinstallation oder Skript-basierte Ansätze (z.B. centos2rocky.sh für CentOS 8 → Rocky 8).

Fazit

Rocky Linux und AlmaLinux sind beide ausgezeichnete CentOS-Nachfolger – die Wahl zwischen ihnen ist in den meisten Fällen eine Frage der Präferenz und des spezifischen Anwendungsfalls, nicht der Qualität.

Rocky Linux ist die erste Wahl, wenn du maximale binäre RHEL-Kompatibilität und ein reines Community-Projekt bevorzugst. AlmaLinux punktet mit dem ELevate-Migrationstool, starker ARM-Unterstützung und den eigenen OVAL-Sicherheitsdaten.

Für neue Server-Deployments in 2026 empfehle ich: AlmaLinux 9 für Umgebungen, die noch CentOS-Infrastruktur migrieren oder ARM-Server einsetzen; Rocky Linux 9 für Umgebungen, die maximale RHEL-Treue und eine starke HPC-Community bevorzugen. Du kannst mit beiden nicht falsch liegen.

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