Das Ende von Heroku Free Tier und die Suche nach Alternativen

November 2022: Heroku schafft seine kostenlose Tier ab. Für viele Entwickler war das ein Schock. Heroku war über Jahre hinweg die einfachste Art, eine Webanwendung zu deployen – Git Push, fertig. Danach begann die große Migration zu Railway, Render, Fly.io und anderen Cloud-PaaS-Diensten.

Aber alle diese Dienste haben ein gemeinsames Problem: Sie kosten Geld, und die Preise steigen schnell, wenn man mehrere Apps betreibt. Dazu kommt: Deine Daten liegen auf fremden Servern bei Anbietern, die ihre Preise jederzeit ändern können.

Coolify ist die Self-Hosted-Alternative, die mich am meisten überzeugt hat.

Was ist Coolify?

Coolify ist eine Open-Source-PaaS-Plattform (Platform as a Service), die sich auf einem eigenen Linux-Server installieren lässt. Es bündelt viele Features, die man von Heroku oder Vercel kennt:

  • Git-Integration: Automatisches Deployment bei Push über GitHub, GitLab oder Gitea-Webhooks
  • Automatisches SSL: Let's Encrypt direkt integriert, kein manuelles Zertifikats-Management
  • Docker und Docker Compose: Dockerfiles und docker-compose.yml werden direkt unterstützt
  • Service-Bibliothek: PostgreSQL, Redis, MinIO, WordPress und viele weitere mit einem Klick deployen
  • Preview Deployments: Automatische Vorschau-Umgebungen für Pull Requests
  • Multi-Server-Support: Coolify-Agents auf mehreren Servern verbinden

Die Konkurrenz: Was gibt es noch?

Tool Ansatz Stärken Schwächen
Coolify v4 Docker-basiert Einfache Installation, moderne UI, aktive Entwicklung Kubernetes-Integration noch eingeschränkt
Dokku Heroku-Buildpacks CLI sehr nah an Heroku, bewährt Keine Web-UI, altmodisch wirkend
CapRover Docker Swarm Sehr reif, App Store, stabil UI altbacken, Docker Swarm statt Kubernetes
Kamal SSH + Docker Simpel, gut für Ruby-Ökosystem Kein Web-UI, viel manuelle Konfiguration

Coolify hat den besten Mix aus Einfachheit, Feature-Umfang und aktiver Weiterentwicklung.

Installation: Unter 10 Minuten auf einem frischen Server

Coolify braucht Ubuntu 20.04+ oder Debian 11+, mindestens 2 GB RAM (empfohlen: 4 GB) und Root-Zugriff.

# Schnell-Installation
curl -fsSL https://cdn.coollabs.io/coolify/install.sh | bash

Nach der Installation läuft Coolify auf Port 8000. Beim ersten Aufruf richtet man einen Admin-Account ein, verbindet den Server (oder weitere Server via SSH) und kann sofort loslegen.

Eine App deployen: Der echte Workflow

Schritt 1: Git-Quelle verbinden

In der Coolify-UI: "New Resource" → "Application" → GitLab / GitHub verbinden. Coolify erstellt automatisch einen Webhook. Bei jedem Push löst Coolify ein neues Deployment aus.

Schritt 2: Build-Konfiguration

Build Pack: Dockerfile     (wenn ein Dockerfile vorhanden ist)
Build Pack: Nixpacks       (automatische Erkennung: Node.js, Python, PHP...)
Port: 3000                 (welchen Port die App intern exponiert)

Schritt 3: Domain und SSL

Coolify nutzt intern Traefik als Reverse Proxy. Man gibt einfach die gewünschte Domain ein:

Domain: myapp.typoniels.dev
SSL: automatisch via Let's Encrypt

Coolify beantragt das Zertifikat, konfiguriert Traefik und richtet den HTTPS-Redirect ein. Kein manuelles Certbot, kein Nginx-Konfigurieren.

Docker Compose: Das mächtigste Feature

Was mich besonders überzeugt hat: Man kann eine bestehende docker-compose.yml direkt aus dem Repository deployen.

# docker-compose.yml im Root des Repositories
services:
  app:
    build:
      context: .
      dockerfile: Dockerfile
    environment:
      - DATABASE_URL=${DATABASE_URL}
    depends_on:
      db:
        condition: service_healthy
    labels:
      - "traefik.enable=true"
      - "traefik.http.routers.app.rule=Host(`myapp.typoniels.dev`)"
      - "traefik.http.routers.app.tls.certresolver=letsencrypt"

  db:
    image: postgres:16-alpine
    environment:
      POSTGRES_PASSWORD: ${POSTGRES_PASSWORD}
    volumes:
      - postgres_data:/var/lib/postgresql/data

volumes:
  postgres_data:

Coolify injiziert die Umgebungsvariablen (die man in der UI konfiguriert), setzt die Traefik-Labels für Domain und SSL und managed die Volumes.

Preview Deployments: Wie bei Vercel, aber self-hosted

Eine Funktion, die mich wirklich überrascht hat: Preview Deployments für Pull Requests.

PR #42 geöffnet → pr-42-myapp.typoniels.dev (automatisch)
PR #42 gemergt  → Preview wird aufgeräumt (automatisch)

Das ist genau das, was man von Vercel oder Netlify kennt – aber auf dem eigenen Server, mit den eigenen Daten, ohne pro-Preview zu zahlen.

Coolify vs. Cloud-PaaS: Die Kostenrechnung

Aspekt Coolify (Self-Hosted) Heroku / Railway / Render
Grundkosten Server-Kosten (z.B. 5-10 EUR/Monat Hetzner CX21) 5-20 EUR/Monat pro App
5 kleine Apps ~6 EUR/Monat gesamt 25-100 EUR/Monat gesamt
Datenkontrolle Vollständig auf eigenem Server Daten beim Anbieter
Preview Deployments Ja (inklusive) Teilweise kostenpflichtig
Lock-in-Risiko Keiner (Docker-Standard) Mittel bis hoch

Meine ehrliche Einschätzung

Ich nutze Coolify nicht für typoniels.dev selbst – dafür nutze ich Kubernetes, das deutlich mehr Kontrolle, Skalierbarkeit und Observability bietet. Aber für Side-Projects, Kundendemos und schnelle Prototypen ist Coolify mein bevorzugtes Werkzeug.

Was wirklich gut funktioniert:

  • Installation in unter 10 Minuten
  • Automatisches SSL ohne jegliche Konfiguration
  • Docker Compose Import aus dem Repository ist ein echter Gamechanger
  • Aktive Entwicklung mit regelmäßigen Updates
  • Apache 2.0-Lizenz – echtes Open Source

Was noch nicht perfekt ist:

  • Kubernetes-Integration ist noch nicht ausgereift (Coolify ist Docker-first)
  • Logs und Monitoring sind grundlegend – kein Ersatz für einen richtigen Grafana/Loki-Stack

Fazit

Coolify hat mich wirklich überrascht. Was ich als "noch ein Docker-Manager" eingeschätzt hatte, ist zu einer vollwertigen PaaS-Plattform gereift, die in vielen Punkten mit Heroku mithalten kann.

Für Self-Hoster, die mehrere kleine Apps betreiben, keine Kubernetes-Komplexität wollen und die Kontrolle über ihre Daten behalten möchten, ist Coolify die beste Option, die ich kenne.

Mein Empfehlung für den Einstieg: Ein Hetzner CX21 (2 vCPU, 4 GB RAM, ~6 EUR/Monat), Coolify installieren, die ersten Apps deployen. Du wirst produktiver sein, als du erwartet hast.